Montag, 13. Februar 2012

Neue Blog-Adresse

Interessierte finden mich ab jetzt unter: http://lillymistress.wordpress.com/

Grüße!

Mittwoch, 23. November 2011

Drama, Baby.

Valerie hatte einen schlechten Tag. Einen wirklich schrecklich schlimmen Tag. Sie hatte es ja schon im Gefühl, als sie am Morgen einen Zeh aus dem Bett gestreckt hatte. Nein, eigentlich wusste sie es bereits in jenem Moment, als der Wecker klingelte und sie die vom Schlaf verklebten Augen öffnete. Der Platz neben ihr im Bett war leer, wie schon seit Monaten. Grund genug, mit einer gehörigen Portion Welthass den Tag zu begrüßen. Die Situation wurde nicht besser, als Valerie merkte, dass ihre Lieblingshose schmutzig war und ihr schönster Pullover über der Brust spannte. Hatte sie ihn etwa zu heiß gewaschen? Oder war sie nur einfach wieder ein bisschen dicker geworden in letzter Zeit? Das wird es sein! Dabei hat sei doch gestern nur einen Salat gegessen – das war ja praktisch Nichts! Schlimm genug, dass sie den faden, trockenen Geschmack nur mittels einer Fülle Joghurt-Dressing, Croutons, Thunfisch, Schinken, Käse und Ei ertragen konnte. Aber das ist doch Nichts! Da ist keine Schokolade und keine Sahne dabei, also ist es gesund! Salat ist überhaupt sehr gesund, man kann soviel davon essen, wie man möchte! So auch Valerie. Und Valerie muss viel essen, um endlich satt zu werden. Dennoch, das kann nicht der Grund für den spannenden Pullover sein. Die Waschmaschine hatte ihn ganz sicher heißer gewaschen, als sie sollte. Sie war wütend auf dieses schäbige, alte Ding und versetzte ihm bei der Morgenhygiene einen ordentlichen Tritt.

Die ohnehin schon lebensverneinende Gemütslage erreichte eine höhere Stufe, als es darum ging, nach dem reichhaltigen Frühstück aus verdauungsfördernden Nikotin und Koffein, das Haus aufgrund des Tagesgeschäfts verlassen zu müssen. Mann muss schon was tun fürs Geld – würde Valerie gerne sagen. Doch für diesen Teil ihrer täglichen Beschäftigung muss sie stattdessen auch noch eine beachtliche Stange Geld zahlen! Ein halbes Vermögen dafür, dass sie rumsitzen, Interesse heucheln und jede Menge lernen muss. Valerie ist Studentin. Studentin aus Leidenschaftslosigkeit. Sie hat vor Jahren eine Fachrichtung die sie eigentlich überhaupt nicht tangierte. Aber man sprach von einem simplen Studiengang mit anschließenden, guten Berufsaussichten. Eigentlich wäre Valerie von Berufs wegen liebend gern Vatis Tochter gewesen. Sollte Gott existieren, ist er ein sarkastischer Arsch, denn er hat Valeries eigentliche Bestimmung zunichte gemacht, indem er sie in eine Familie gesetzt hat, in der Reichtum eine vorherrschende und ewig aktuelle Mangelerscheinung war. Hingegen wurden Liebe und Fürsorge dort groß geschrieben. Unerträglich, denkt Valerie. Eigentlich hat man ihr schon am Tag ihrer Geburt keine faire Chance gegeben. Und danach irgendwie auch nicht. Diesen Umständen zum Dank muss sie nun dieses dröge Studium bestreiten. Weil die Eltern der festen Überzeugung waren, dass Valerie dank eines Diploms ein sorgenfreies Leben wird führen können, verkauften sie kurzer Hand den kümmerlichen Fernseher und verpfändeten Vaters geliebte Briefmarkensammlung. Valerie war sich sicher, dass man nur deshalb so großzügig zu ihr war, um in den Folgejahren obgrund der ärmlichen Lage der Familie an schlechtem Gewissen zu leiden. Das aber würde sich Valerie nicht gefallen lassen. Nun gut, die Eltern mussten Abstriche am ohnehin schon minimalem Lebensstandard machen, aber was so ein Studium für Valerie bedeutete, hat ja auch niemand bedacht. All der Stress, der Druck, die Arbeit und die Mühe, die sie täglich auszuhalten hatte. Unvorstellbar. Zu allem Überfluss war niemand in der Lage, Valerie das bisschen Luxus verschaffen zu können, was ihr Dasein lebenswerter gemacht hätte. So musste sie einen Nebenjob antreten – unwürdig, demütigend. So musste sie zwei Mal in der Woche im benachbarten Supermarkt Regale auffüllen. Als Valerie nach getaner Schwerstleistung ihren Arbeitskittel abstreifte und sich auf den Weg machte, die hundert Meter Heimweg in Angriff zu nehmen, beschloss sie – kaputt und fertig wie sie war – sich am morgigen Tag eine Krankschreibung zu erobern. Zwei oder drei Wochen Urlaub wären vorzüglich. Sie musste einfach mal runterkommen. Ein solches Pensum war einfach nicht zu schaffen. Denn Valerie war zwar überarbeitet, aber damit erschöpfte sich ihr Leidens-Potential nicht. Valerie war außerdem zutiefst traurig. Ihr ganzes Leben erscheint ihr sinnlos, weshalb sie es für eine gute Idee befindet, mehr Zeit zu haben, um sich des Elends bewusst zu werden, in dem sie lebt.
Valerie lebt am Existenzminimum. Sie kann gerade mal so ihre kleine, gemütliche mit der verräterischen Waschmaschine bestückten Wohnung zahlen. Ein paar Mal im Jahr kann sie sich ein begehrtes Kleidungsstück zulegen. Hin und wieder kann sie mit ihren Freunden ausgehen. Ansonsten gibt es nur Drehtabak, Discounter-Nahrung und Billig-Shampoo. Kann das wirklich schon alles gewesen sein?
Erst gestern saß Valerie mit ihren Freunden bei einem schicken Essen, zu dem sie geladen wurde. Beim Verzehr von Wein und Käse prophezeiten ihre Freunde ihr eine glorreiche Zukunft und eine steile Karriere nach Abschluss des Studiums. Diese These beschränkte sich auf eine solch jämmerliche Argumentationsstruktur. Schlimm genug, dass Valerie mit diesen Menschen an einem Tisch sitzen musste. Diese Menschen, die ein teures Essen auslegten, weil sie selbst dazu nicht in der Lage war. Das ist Hohn, Valerie fühlte sich, als habe man ihr ins Gesicht gespuckt. Da sitzen all diese selbstgefälligen, sogenannten Freunde und demonstrieren ihr Beziehungsglück und ihre finanzielle Unabhängigkeit. Dieser ganze Abend sollte lediglich dem Zweck dienen, Valerie zu zeigen, was sie alles nicht hat. Geld hatte sie keines und zudem war sie verfolgt von chronischem Unglück in Sachen Liebe. Es grenzt nahezu an Frechheit, dass stets nur jene Männer an Valerie interessiert waren, die entweder hässlich, arm oder mit einem soliden Mangel an Intelligenz ausgestattet waren. In manch einem hartnäckigem Fall sogar alle drei Faktoren auf einmal. Da hat es auch keinen Wert, dass jemand sich um Valerie bemüht, liebevoll und gutherzig ist. Denn sie präferiert andere Exemplare männlichen Daseins. Und zwar jene, die an einer Frau eine anorektische Figur und offensichtliche Schönheit schätzen. Valerie passt nicht in dieses Raster. So sehr sie sich auch bemüht, der Salat wird ihr niemals die überflüssigen Pölsterchen um die Hüften herum nehmen. Es kann auch nicht allein am Geheimvorrat fett- und zuckerlastigen Süßwaren liegen. Nach gelegentlichem, massigen Verzehr landet all das rückwärts genascht in der Kloschüssel. Auch um ihre objektive Schönheit scheint es nicht all zu berauschend zu stehen. Klar, ihre beliebigen, wertlosen Verehrer schwärmen stets von ihrem wallenden Haar und ihrem einnehmenden Lächeln. Ihre Freunde bemerken regelmäßig die Schönheit ihrer leuchtenden Augen.
Valerie fühlt sich schön und hässlich zugleich. Doch letzten Endes wird sie sich immer abstoßend finden, denn genau das ist die Reaktion, die sie bei den von ihr verehrten Männern immer wieder erwirkt. Ein weiterer Grund zur Traurigkeit. Eine langwährende Geschichte, die sich erst vor drei Monaten wieder bestätigt hatte. Nach eigener Aussage war Valerie noch niemals so verliebt gewesen, wie in Jörg. In all seinen Äußerungen zeigte er sich smart und er war, wenn man seinem Profilbild eines sozialen Netzwerks Glauben schenken durfte, wunderschön. Tagelang stand sie mit ihm in Kontakt, beinahe rund um die Uhr. Man tauschte Sorgen, Wünsche und Ängste aus. Ehe er eines Tages, in Valerie eine gute Freundin wägend, offenbarte, dass er es jüngst für eine gute Idee befunden habe, seine Arbeitskollegin zu vögel und zu allem Überfluss daran auch noch Freude zu verspüren. Valerie ist ein Märtyrer. Sie weist Jörn auf etwaige berufliche Komplikationen hin um daraufhin Offline zu gehen und laut zu weinen. Sie war sich dieses Mal so sicher gewesen, ihre wahre Liebe gefunden zu haben. Den Mann ihres Lebens, der sie bedingungslos lieben und wie eine Prinzessin behandeln wird. Noch bei keinem Mann zuvor hatte sie so viel gefühlt, als ihre Finger flink über die Tastatur huschten, nur um ihm einen „Guten Morgen“ zu wünschen. Da war Nähe, Vetrautheit und – ganz ganz offensichtlich – tiefe Liebe. Beiderseitig. Valerie wusste es einfach, auch wenn ihre verräterischen, egoistischen und missgönnenden Freunde sie auf ein akutes Defizit an persönlichen Treffen mit ihm hingewiesen haben. Sie war böse auf ihre Freunde. Sie verstehen Valerie einfach nicht. Und sie waren neidisch auf das Glück, welches Jörn ihr eine ganze, traumhafte Woche lang verschafft hatte. Weil sie alle in ihrem monotonen, langweiligen Leben in jahrelangen Beziehungen und Arbeitsalltag davon träumen, einmal so gefühlt zu haben, wie Valerie. Sie werden es nie verstehen. Sie sind sowieso nur mit sich selbst beschäftigt. Melden sich bestenfalls einmal in der Woche, um nach Valeries Wohlbefinden zu fragen. Das ist zu wenig! Kaum eine wirkliche Freundschaft in Valeries Augen. Und diese These bestätigte sich noch am selbigen Abend.
Valerie war überwältigt von ihren Sorgen und ihrem Leid. Außerdem vermisste sie Jörn, wie sie es am ersten Tag schon getan hat. Sie war traurig, einsam und weinte. Wen sollte man da anrufen, wenn nicht die beste Freundin? Dafür sollten Freunde eigentlich da sein. Aber schon nach einer Stunde Seelenstriptease auf Seiten Valeries brach Melanie, besagte beste Freundin, das Gespräch mit fadenscheinigen Ausreden ab. Valerie blieb einsam mit ihren Tränen, der Perlwein-Flasche in der einen, dem tutenden Telefon in der anderen Hand zurück. Wie ungeheuer egoistisch und ignorant von Melanie! Eigentlich hat sie keine Sorgen! Zumindest keine aktuellen. Der plötzliche Tod ihres Vaters lag bereits Monate zurück und auch ihre Fehlgeburt sollte längst psychisch ausgestanden sein. Außerdem: Ersteres bescherte ihr ein solides Erbe, dank dem sie künftig wohl kaum mit finanziellen Sorgen zu kämpfen hat. Und auch die Fehlgeburt ist nur ein Zeichen dafür, dass sie überhaupt jemanden hat, von dem sie schwanger werden kann. Valerie hingegen ist alleine und arm. Kein Erbe und kein Mann, der mit ihr Sex haben möchte. Zumindest kein Mann, mit dem sie selbst gerne Geschlechtsverkehr praktizieren würde. Wer hat nun die wahren Sorgen? Ein vermögender, geliebter Mensch? Oder Valerie? Ihr wurde das Herz von der großen Liebe gebrochen. Und eine Zukunft hatte sie nicht. Die zur Verfügung stehenden Männer will sie nicht, ebenso wie die interessierten Unternehmen, die bereits eindeutige Jobangebote unterbreitet haben. Wenn das kein Dilemma ist, was denn sonst? Und wenn Melanie dabei nicht zuhören will... ja, dann ist die Freundschaft nichts wert. In ihren schwersten Zeiten wäre Valerie sicherlich für Melanie da gewesen, aber dieses introvertierte Weib war ja nicht willens, sich zu offenbaren. Das ist nicht Valeries Schuld. Sie konnte nichts dafür. Und sie war eben anders, als Melanie. Und brauchte das Gespräch mit vertrauten Wesen. Fick dich, Melanie. Denkt Valerie. Und innerhalb von Sekunden steht Melanie nach 20 Jahren Freundschaft in Sachen Wertigkeit auf der selben Stufe wie ein bösartiger Herzensbrecher und eine hinterhältige Waschmaschine.
Alles auf der Welt hatte sich gegen sie verschworen, dessen war sich Valerie absolut sicher. Und auch in Zukunft würde es niemals anders werden. Sie würde allein bleiben, dick, ärmlich, ohne Mann und Freunde. Wahrscheinlich würde Valerie ohnehin nicht alt werden. Sie hat an ihrem Ohr einen merkwürdigen Knubbel. Wahrscheinlich ist es Krebs. Eine Metastase. Das muss es sein. Sie hatte doch schon so lange Kopfschmerzen. Der blaue Fleck am Arm ist wahrscheinlich auch kein Zeichen eines Stoßes, sondern der Beginn der inneren Verwesung und Fäulnis. Die Erkenntnisse überschlagen sich. Alles bricht über Valerie zusammen, all ihr erfahrenes Leid. Die Tränen rinnen ihr über das Gesicht, sie schreit und weint und findet sich schmerzverzerrt auf dem Boden liegend wieder. Für einen kurzen Moment erstarrt sie, weil sie sich sicher ist, dass man so viel Schmerz nicht überleben kann. Niemals zuvor hat jemand einen solchen Schmerz verspürt und konnte danach weiterleben. Unmöglich. Valerie nippt an der Weinflasche. Plötzlich ganz ruhig und gefasst. Noch in dieser Nacht wird das Leid sie dahin raffen. Valerie zittert und muss sich jemandem mitteilen.
Unter abnehmenden Pegel zweier weiterer Weinflaschen verkündet sie ihre Weisheit erst telefonisch bei Tina, dann während eines Besuchs von Claudia, die einen Liter Schokoladeneis als Seelenbalsam mitgebracht hat und dann wieder telefonisch bei Stefanie. Währenddessen schaut Valerie hin und wieder auf ihr Handy. Zwei SMS von ihrer Mutter. Valerie solle sich melden. Die Eltern haben für das kommende Wochenende ein Familientreffen mit Nudelauflauf geplant. Valeries Leibspeise. Dann vier Anrufe in Abwesenheit von Melanie. Aber Melanie ist für Valerie gestoben. Zumindest bis morgen, wenn sich die Seiten wenden. Denn morgen wird Valerie auf dem Weg zum Arzt sein. Zwecks Krankschreibung. Sie wird via Kopfhörer Musik hören. Tragische Musik einer tragischen Band, die Valeries Gefühle besser in Worten ausdrücken kann, als sie selbst es je vermochte. Valerie fühlt sich von so viel Verständnis nahezu hingerissen, dass sie unter all den ergriffenen Tränen offenbar die gesenkten Schranken am Bahnübergang übersieht.
Nur eine Stunde später ist Melanie endlich da. Valerie erwartet eine Entschuldigung. Melanies Verhalten vom Vorabend ist eigentlich schon unverzeihlich gewesen. Aber Melanie redet nicht. Sie weint. Nun gut, zu Recht! Soll sie nur ein schlechtes Gewissen haben, sie hat es verdient. Denkt Valerie. Dann wundert sie sich, weshalb ihre Eltern auch gekommen sind, wie auch ihre anderen Freunde. Und der vertrottelte Sven, der Valerie wöchentlich einen Blumenstrauß zukommen ließ. Was wollen die alle? Wollen sie Valerie endlich sagen, dass sie mit ihr fühlen? Das es ihnen leid tut, wie sie Valerie behandelt haben? Das sie verstehen, wie es ihr geht, unter all dem Leid, dem Stress und der Einsamkeit? Wahrscheinlich. Alle schluchzen und weinen jämmerlich. Melanie sinkt zu Boden und greift nach Valeries Hand. Streichelt die Überreste von Valeries Gesicht. Weint bitterlich. Immer noch keine Entschuldigung. Typisch Melanie. Denkt Valerie. Immer geht es nur um Melanie. Was ich zu sagen habe, hat noch nie jemanden interessiert. Ich war noch nie wichtig. Läge meine Hand hier drüben bei mir und nicht dort bei meiner Tasche und meinem Herz – ich schwöre – ich hätte sie geohrfeigt.

Samstag, 12. November 2011

Reinkarnation des Bösen (Jogginghose #3)

Ich liege auf meinem Bett und bin missmutig. Ich werde endlich mal das tun, was ich mir schon so lange vorgenommen hatte. Ich werde in einen Club gehen! Olé! Doch die Motivation hält sich derzeit in Grenzen. Ich schaue an meinem halbbekleideten, immerhin frisch geduschten Körper hinunter, schlage mit der flachen Hand auf meinen Bauch und zähle die Sekunden, bis der Speck aufhört, Wellen zu schlagen. Viele Sekunden. Zu viele Sekunden. Also ein Sweatshirt und kein anzügliches, rückenfreies Top. Wie gerne hätte ich die Disziplin, eine Diät länger als zwei Tage durchzustehen... oder die realistische Auffassungsgabe, dass Butter und Sahne eher weniger in ein ausgeklügeltes Ernährungskonzept zur Gewichtsabnahme passen.

Gekleidet in einem äußerst dekorativem Sack-Verschnitt Oberteil und Schal, der mit ein bisschen Glück den Ansatz meines Doppelkinns verbergen würde, betrat ich das Etablissement und fühle mich ein wenig unwohl. Ich stehe in einer Menge tanzender, sich profilierender Menschen. In einem Raum, in dem offenbar das allgemein auferlegte Rauchverbot nur als Empfehlung, nicht als Verpflichtung verstanden wurde. Natürlich stört mich zumindest letztgenannter Umstand nicht im Geringsten. Erspart mir den Weg in den Raucherbereich und die Möglichkeit, das kürzlich verspeiste, natürlich viel zu fettige Abendessen abzutrainieren. Widerwillig verspüre ich, dass ich die Augen weit nach einem potentiellem Opfer geöffnet habe. Wo in diesem Laden läuft ein Typ herum, der wahllos und verzweifelt genug ist, ein bisschen mit mir herumzuknutschen. Man möge mich nicht falsch verstehen. Ich stehe nicht hier, um mein kürzlich gewähltes Deluxe-Menü in Empfang zu nehmen. Ich suche nur nach einem bisschen Ego-Balsam. Wilde Knutscherei auf der Tanzfläche. Animalisch, wild und ganz schnell zu vergessen. Nichts von Bedeutung, aber gut fürs Ego!
Fehlanzeige. Leider.
So sehr ich auch den Hals verrenkte, nichts genügte meinen in diesem Moment ohnehin schon kaum vorhandenen Ansprüchen. Und die einigen wenigen, mit denen ich mich hätte abfinden können, hingen schon an und in den Lippen vollbusiger, overstylter Frauen. Niemand, an dem ich mein kümmerliches Selbstwertgefühl aufbauen konnte. Ernüchtert und wie auch sonst so oft, halte ich mich zur Stütze an meinem überteuertem alkoholischen Erfrischungsgetränk fest.
So weit ist es also schon gekommen. Ich bin verzweifelt! Krampfhaft auf der Suche nach einem willigen, halbwegs attraktiven Mann. Nicht die beste Ausgangssituation, um ein Erfolgserlebnis anzusteuern. So viel hatte ich durch das lehrreiche Gequatsche meiner Mutter bereits gelernt. Diese Erkenntnis reicht aus, um noch ein wenig missmutiger auf den Boden zu starren. Nicht einmal die freundschaftliche Schmeichelei eines Freundes konnte meinem Gefühl Abhilfe verschaffen. Ebenso wenig wie das seit ewig vorhandene Kuschelbedürfnis seinerseits und auch lieber Freundinnen. Verlorene Mühe.
Sowohl Motivation, als auch Verzweiflung steigen mit der Anzahl konsumierter Biere. Anspruch und Würde sinken hingegen mit jedem einzelnen Schluck. Es kostet mich deutliche Anstrengung, den an diesem Punkt für gewöhnlich auftretenden Silberblick zu unterbinden. Den Blick der Augen bei einem solchen Betäubungszustand parallel zu halten, hat ungemeine Einschränkung einer klaren Sicht zur Folge. An der Bar stand ganz offenbar ein Typ. Nicht groß, nicht schön und unendlich weit von meinem Dessert-Mann á la carte entfernt. Die Verzweiflung und nicht zuletzt auch das positive Zureden seitens Freunden bringt mich dazu, mich auf das einzige anwesende, mögliche Opfer zuzubewegen. Dann stehe ich vor ihm. Mir ist ein wenig schlecht. Ich versuche einen willkürlichen Punkt seines Gesichts zu fixieren, um aufmerksam zu wirken. Ich hab keine Ahnung, was ich ihm sagen soll. Gleichzeitig spüre ich die Blicke meiner Lieben im Nacken, die wahrscheinlich ebenso gespannt sind wie ich, ob diese Verzweiflungstat belohnt werden würde.

Ich fasse mich kurz. Sie wurde nicht belohnt. Ich starrte dem Kerl vermutlich einige Minuten dämlich ins Gesicht, zwischendurch überlegte ich, ob er nicht aussah wie der Sänger einer Band, die ich von Herzen verabscheute. Ich säuselte etwas fadenscheiniges und ich merkte schon sehr bald, dass bei ihm nicht einmal aus Mitleid was zu machen wäre. Welch Blöße! Glücklicherweise war seinerseits noch genug Mitleid vorhanden, um mir wortkarg einen Jägermeister in die Hand zu drücken....




… ich öffnete die Augen. Wo war ich bloß? Offenbar in einem der ach so komfortablen Berliner U-Bahnen. Das war alles was ich zu diesem Zeitpunkt sagen konnte, alles, was ich mir auch nur aufgrund der erschlagenden Tatsachen zusammenreimen konnte. Wo waren die letzten Stunden? Wie viel Uhr war es überhaupt? Umständlich fummelte ich mein Handy aus der Tasche, das sich glücklicherweise noch an seinem gewohntem Platz befand. Halb Sechs am Morgen. Okaaaaay. Mir waren tatsächlich ein paar Stunden abhanden gekommen. Mein Leben switchte offenbar zwischen Zeit und Ort. Nach nur einem (gefühlten) blinzeln war der Typ (Gott sei Dank!), dafür aber auch der Jägermeister und die wärmende Umgebung des Clubs.
Nur die Ruhe. Meinen offensichtlich nicht missbrauchten Körper und meine nicht geplünderten, mitgeführten Habseligkeiten vom Sitz erheben, mal schnell einen Blick auf das öffentliche Verkehrsnetz via Karte an der Decke werfen. Wo war ich überhaupt? Als könnte die mechanische Stimme der U-Bahn Gedanken lesen, murmelte sie unverständlich den Namen der nächsten Haltestelle, von der ich sicherlich noch niemals in meinem Leben gehört hatte. So langsam setzte die Panik ein. Oh mein Gott. Wo war ich? Wie lange war ich schon hier? Und wie zum Teufel bin ich hier gelandet??? Wieder zückte ich, jetzt schon koordinationssicher, das Handy und wählte die Nummer meines Mitbewohners. Im Prinzip war es mir ziemlich egal, dass er in einer Stunde schon aufstehen musste und wahrscheinlich gerade von Schnitzel und/oder schönen Frauen träumte. Sein Handy war wohl eingeschaltet, aber er ging nicht ran. Dies unterstützte meine These über seine schönen Träume und ich war mir sicher, dass er einfach ignorierte, dass ich ohne Begleitschutz keine reelle Überlebenschance hatte.
Sicherheitshalber begann ich also hysterisch zu weinen. Mein aufwendig angekleistertes Make-Up verlief in meinem Gesicht. Wieder eine Situation, in der ich mir die Anonymität der Großstadt gelobte. Armselig heulende Frauen in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit, die nach einer ganzen Destillerie stinken, sind in Berlin keine Seltenheit. Keine Panik. Ich werde einfach an der nächsten Haltestelle aussteigen und mich orientieren. Und dann würde ich den Weg nach Hause suchen. Kein Problem. So was passierte mir schließlich nicht zum ersten Mal. Der Schreck und die Hysterie vertrieben alle betrunkenen Gefühle aus meinem Kopf ins Nirgendwo. Ich war plötzlich stocknüchtern. Hilflos, erbärmlich und unkontrolliert selbstmitleidig zwar, aber stocknüchtern. Unbeholfen stolperte ich aus der Bahn, als sie im nächsten Bahnhof einfuhr. Durch die Tränen war ein klares Sichtfeld natürlich utopisch, aber ich fand endlich ein Schild, auf dem der Name der Haltestelle stand. Da stand der Name eines mäßig bekannten Neurologen. Offenbar war eine hier befindliche Institution nach ihm benannt worden. Eine Nervenklinik. Es ist halb sechs am Freitag morgen und ich bin orientierungslos an einer Nervenklinik gestrandet. Mit weit aufgerissenen, verheulten Augen stand ich vor dem Schild. Ich überdachte mein Karma. Was hatte ich nur getan, damit ich DAS verdient hatte? Was war ich in meinem früheren Leben, dass ich solche Situationen mit einer beeindruckenden Treffsicherheit an mich zog? Ich kann garantieren, die Treffsicherheit beschränkte sich auf Situationen wie diese. Kein Anzeichen von Treffsicherheit beim Wählen der Lottozahlen. Wäre dies der Fall, hätte sich das von mir angestrebte Menü Mann anders gestaltet.
Nun ja, wie dem auch sei... Grund genug, die Hysterie noch ein wenig weiter hochzufahren und noch erbärmlicher zu weinen. Es befand sich kein einziger Mensch auf dem Bahnsteig, den ich hätte fragen können, wo genau diese Nervenklinik überhaupt war. Mein Leben ist ein Spielfilm. Ich rannte also weinend und mit wehendem, verzottelten Haar in Richtung Ausgang aus dem unterirdischen Bahnhof. Von der Melodie (der Soundtrack meines Lebens) im Kopf möchte ich gar nicht reden. Diesmal glich sie einer Begräbnis-Hymne, oder zumindest einer Schiffs-Sink-Melodie. Unmittelbar nachdem ich den Bahnhof verließ stolperte ich über eine Bushaltestelle. Bus fahren. Seeehr gut. Ich war kurz geneigt, meine Meinung über mein Karma zu ändern, als dort wie aus Geisterhand plötzlich ein Bus auftauchte. Das hysterische Weinen wich für einem kurzen Moment einem krankhaftem Lachen. Der Busfahrer öffnete die Tür.
„Fährt der hier zum Alexanderplatz???“ fragte ich, mit dem Glanz kleiner Kinder zu Weihnachten in den Augen.
Er sah mich abschätzend an.
„Nee.“
„Wie komme ich denn zum Alex???“ fragte ich weiter, jegliche Hoffnung hat sich bereits im Nichts aufgelöst.
„Na, mit de U-Bahn“ antwortete er mir mit der nonchalanten Berliner Höflichkeit. Dann schloss er schnellstmöglich die Tür. Und verschwand mit samt seinem Gefährt in der Dunkelheit. Ich blieb verstört zurück.
Wieder fragte ich mich, womit ich das alles nur verdient hatte. Diesmal gab ich mir selbst, erstaunlich schnell, eine Antwort. Als ich bedrückt auf dem Weg zurück zur U-Bahn war, sah ich die Antwort in der Spiegelung einer Autoscheibe. Mein schwarzes Augen-Make-Up hatte sich durch meinen emotionalem Anfall dekorativ bis an mein Kinn verteilt. Noch immer hatte ich zahllose Tränen im Gesicht und in meinen Augen. Und ich stand an der Haltestelle, die das Wort „Nervenklinik“ im Namen trägt. Vermutlich glaubte der Busfahrer eine waschechte, ausgebrochene Suizidgefährdete vor Augen zu haben. Ich hätte mich tendenziell auch nicht mitgenommen.
Die nächste Bahn kommt in 15 Minuten. Genug Zeit, um herauszufinden, dass ich ursprünglich, wann auch immer, in die richtige Bahn gestiegen war. Ich hätte, wenn ich ein unkompliziertes Leben bevorzugen würde, nur zwei Stationen fahren müssen. Im Endeffekt bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht die gesamte Strecke der U-Bahnlinie mittlerweile hin, zurück, wieder hin und weit darüber hinaus gefahren war. Ich wählte im Handy zum sechsten Mal die Wahlwiederholung, als ich mich endlich auf dem richtigen Weg nach Hause befand. Mein Mitbewohner ging schlaftrunken ans Telefon. Welch Glück! Eine vertraute Stimme! Das Gefühl überwältigte mich und ich musste schon wieder weinen. Ich schilderte ihm mein Leid, in allen Einzelheiten. Er schien nicht so genervt, wie ich es an seiner Stelle gewesen wäre. Er versprach auf mich zu warten, wenn ich ihm unterwegs ein gesundes Burger-Frühstück organisierte. Ein Preis, den ich zu zahlen bereit war, wenn ich nur nicht in die dunkle Wohnung fallen müsste, ohne das mir jemand ein tröstendes Wort spenden könnte.
Ich ignorierte die Tatsache, dass ich beim Burgerladen unglücklicherweise ein bekanntes Gesicht traf, dass sich über meinen eigenwilligen Schmink-Stil lustig machen konnte. Ich ignorierte auch, dass meine Anschluss-Tram mir erst Stationen zu spät gestattete, den Zug zu verlassen. Während ich mit den soeben auskühlenden Burgern unter dem Arm durch den Schnee nach Hause stampfte, stellte ich zur Mehrung meines Unmuts fest, dass meine Zigaretten leer waren.

Was war ich nur in meinem früheren Leben? Meine Arbeitskollegen vermuteten, dass ich die Reinkarnation eines russischen Diktators war. Vielleicht haben sie recht.

Dienstag, 1. November 2011

Ich hatte es mir anders vorgestellt...

Die guten Teenager-Jahre. Deine Verantwortung beschränkte sich im regulärem Fall darauf, deinen Hintern in einem festgewachsenen Stück wieder nach Hause zu Mutti zu bringen, sowie deine zehn Quadratmeter umfassende Privatsphäre ohne Zimmerschlüssel in Ordnung zu halten. Und solltest du dabei gelegentlich versagen, war auch das kein größeres Problem. Während du die Schulbank drücktest, wedelte Mutti mit dem Staubtuch und der Mülltüte durch dein Zimmer. Bei deiner Rückkehr fragtest du dich, warum die Eltern eigentlich über deine Reinlichkeit meckerten. Sah doch alles ganz prima aus. Auch als du die ersten Male betrunken ins elterliche Haus fielst und Mutti dich kotzend auf den Treppenstufen vorfand, zog dies keine größeren Konsequenzen nach sich. Ein gehässiges Grinsen, wenn du am nächsten Morgen zerknirscht drei Aspirin-Tabletten ins Wasserglas warfst und manchmal ein wenig Hausarrest, der ohnehin nie in seiner vollen Länge abgeleistet wurde, da deine Eltern keine Lust hatten, dich rund um die Uhr an der Backe zu haben. Wenn es hart auf hart kam, baten dich die Erziehungsberechtigten alle ein bis zwei Wochen, eine der familiären, gemeinnützigen Tätigkeiten zu übernehmen. Straße vor dem Haus kehren, Heizung im Bad putzen, oder das Treppenhaus ausfegen. Dies glich dann schon der Aufopferung einer der zwei heißgeliebten Nieren (deren Nutzen man nicht kannte) und auch dann konnte man sich nur mit entsprechendem Protest dieser Aufgabe widmen. Natürlich gefolgt von wochenlanger Prahlerei über dank der eigenen Großmut geleisteten Heldentat.
In der ein oder anderen Phase deines Lebens hattest du vielleicht sogar (tatsächlich) etwas mehr zu tun. Beim Schreiben des Abiturs vielleicht, das ohnehin nur auf ausdrücklichen Wunsches der Eltern hin auf dem Plan stand. Deines Erachtens hingegen bot auch der örtliche Baumarkt erstaunliche Unsummen an Geld für das Einräumen belangloser Regale. Zumindest, was einem damals, als Miet-Nomade mit kostenlosem Essensrecht als viel Geld erschien. Wozu also noch drei Jahre länger in der Schule rummachen, als unbedingt nötig? Na gut, Mutti und Vati wollten das so. Zum Ausgleich bekamst du weitere Jahre des Mittags ein warmes Mahl, zusätzlich Schulterklopfen und Kopftätscheln zu jeder erdenklichen Situation, weil du so fleißig bist. Zuviel Arbeit - Ein Spitzen-Argument auch, wenn du die gelegentlich anfallende Extra-Arbeit für das familiäre Wohlwollen nicht ausführen wolltest- bzw. konntest! Du warst ja so unsagbar gestresst und überfordert!!! Mit einem unterschwelligem Grinsen hocktest du dann da, hattest die Füße samt löchriger Socken auf dem Wohnzimmertisch, während du deiner Mutter dabei zusahst, wie sie die Cola-Flecken vom Boden wischte, die du durch deinen verkleckerten Entspannungs-Drink überhaupt erst da hin gezaubert hattest. Da du ja aber nach dem Fauxpas pünktlich in Tränen ausbrachst und über deine Nervenschwäche obgrund des außergwöhnlichen, schulischen Stresses klagtest, übernahm Mutti (auch nach zehn Stunden Arbeit in der Fabrik) gerne die Putzarbeiten. Schließlich warst du doch ein tapferes Kind, das so viel leiden musste, nur weil deine Eltern sich für dich mehr erhofften, als vom ihrem eigenem, bedeutungslosem Leben.
Manchmal wurde es bei dir auch finanziell etwas enger. Dein Taschengeld war schließlich lächerlich knapp bemessen. Erstmal hattest du kein Geld für die „Fix und Foxi“, später nicht für die „Bravo“ und noch ein bisschen später nicht für den „Metal Hammer“. Und Zigaretten sind auf längere Sicht ja auch so scheiße teuer. Wie auch das neue Playstation-Spiel oder die qualitativ überbewertete, dem Namen nach aber coole, in Taiwan produzierte Markenhose. Aber auch all das ist nur mäßig tragisch. Papa raucht zum Glück ganz schön viel und merkt nicht, dass ihm täglich ein Päckchen Zigaretten aus seinem liebevoll gezüchteten Reservoir fehlt. Während er sich manchmal ein wenig um seinen Konsum sorgte und die Angst vor Lungenkrebs, baldigem Ableben und die nächsten Rate der Lebensversicherung stieg, machtest du dich fröhlich (Papas Kippen qualmend) auf den Weg zu Oma, Opa, Patenonkel und -tante. Dort berichtetest du von der Heldentat, beinahe beim Straße-Kehren von einem Panzer überfahren worden zu sein und bekamst aus Mitleid und aus Respekt vor deiner Kämpfernatur ein paar Scheine zugesteckt, die du in erwünschte, zum Überleben benötigte Luxusgüter eintauschen konntest, wie beispielsweise Schokolade und Bier. Gerne hättest du dir davon eine French-Bulldog oder einen Chiwawa gekauft, aber deine Eltern, die blöden, erlaubten es dir ja nicht. Zuviel Arbeit, sagten sie. Du übernimmst nicht genügend Verantwortung dafür, sagten sie. Die hatten ja keine Ahnung. Irgendwann, in zehn Jahren oder so, würdest du gutes Geld verdienen und dir diesen blöden Hund kaufen. Er würde glücklich sein, genau wie du selbst. Schließlich wirst du Kohle haben, wirst dir kaufen können, was du haben möchtest und dazu wirst du selbstverständlich eine abgefahrene Wohnung, samt ultraheißem Lebensabschnittsgefährten dein Eigen nennen können. Die sollen mal reden, die Eltern. Die wissen gar nichts. Rein gar Nichts!

Zehn Jahre später.

Du wachst auf und du weißt gar nicht, was dir mehr weh tut: Rücken, Kopf, Füße oder gar alles auf einmal. Ist ja auch egal. Der Wecker hat soeben das neunte von zehn Malen geklingelt, was soviel bedeutet wie: Husch aus dem Bett, weg von Decke, sowie strombetriebenem Wärmekissen und ab ins Bad zum Aufhübschen. Auf dem Weg erstmal die alltägliche Dosis Medikamente gegen das körperliche Gebrechen mit Ende Zwanzig einwerfen (hoffen, dass die endlich wirken) und mit einem Schluck Wasser aus jenem Glas runterspülen, aus dem sich vor einer halben Stunde noch der Hund bedient hat. Unwissentlich, versteht sich. Aber irgendwie hattest du da so eine Ahnung... aber du denkst nicht weiter darüber nach. Denken ist jetzt sowieso erst einmal nicht drin, für die nächsten zwölf Stunden. Schließlich musst du dich erstmal um die Banalitäten des Alltags kümmern, bevor du dir die Priorität des freien Denkens einräumen kannst. Und so eine siebzig Quadratmeter umfassende Plattenbau-Wohnung will auch irgendwie erwirtschaftet werden. Aber manchmal ist es ein Weg, auch ein Arbeitsweg, voller Hindernisse. Manchmal verpasst du eine Bahn, vergisst ein überlebensnotwendiges Arbeitsutensil auf dem Nachttisch und manchmal verlierst du bei der Jagd nach der Tram deine letzte Zigarette. Aber irgendwann kommst du am Ziel an. Ganz sicher. Auch wenn es für dich Überstunden bedeuten sollte. Eigentlich bist du dann auch ganz froh, dass keiner im Büro dir größere Beachtung schenkst. Mehr Zeit zum Funktionieren, Arbeiten und Kaffee-Trinken – aufgelockert von Zigarettenpausen mit erschnorrtem Rauchgut und (dank des überschrittenen Verfallsdatums) reduzierten Salaten. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die paradoxer Weise wie im Fluge vergangen ist, endet die Arbeitszeit nach schlappen neun Stunden und du kannst dich endlich zu bedeutungsloseren Aufgaben aufmachen: Wie beispielsweise dem Besuch eines billigen Fitness-Studios, um deinen Körper auf Hochform zu trimmen.
Eigentlich tut dir ja schon wieder alles weh, aber da erinnerst du dich an die drei Schokokekse zum Nachmittagskaffee auf Arbeit, die ungerechterweise scheiß fettig und nicht ganz so figurschonend, wie erträumt, waren. Also entscheidest du dich doch für Sport, trotz mangelnder Motivation, fehlender Kraft und gesteigertem Bedürfnis nach Hartalk. Du, der nicht-sportlichste Mensch unter Gottes Sonne, trittst dich, überforderst dich und machst sich kaputt auf diesem Gott verdammten Miststück von Crosstrainer, während dein Geräte-Nachbar von seinem neuen Mixer, veganer Kost und seinem gesunden Leben spricht. Ohne dabei außer Atem zu kommen, oder sonstige Anzeichen absonderlicher Anstrengung zu zeigen, juckelte er fröhlich weiter auf dem Foltergerät herum, während deine Lunge hübsch platziert auf deiner Zunge liegt und dein Kopf eine bedrohliche Farbe angenommen hat. Du könntest, genau jetzt, über deinen ungesunden Lebensstil nachdenken, aber du erinnerst dich freudig daran, dass Nachdenken erst wieder in zwei Stunden auf dem Plan steht. Bloß gut. Deine Knochen tun mehr weh, als jemals zuvor und du schleppst dich nach Hause. In verschwitzter Trainingshose, denn zum Kleidungswechsel nach dem Sport fehlte dir die Muße. Obwohl dir, zu Hause angekommen, nichts wohler täte, als eine heiße Dusche, wirfst du dich an deinen Computer und deine Bücher, um noch eine Weile für die Uni und die Magisterarbeit zu lernen. Nicht so einfach, um diese Zeit des Tages. Aber wenn Mutti und Vati sich einst schon so für das Abitur stark gemacht hatten, kann man halt auch einfach mal studieren gehen. Sonst wären drei Jahre Abitur-Zeit wirklich völlig für den Arsch gewesen. Und vielleicht... GAAAANZ vielleicht, wird aus einem ja noch ein echtes Genie. Man muss ja eigentlich nur genug lernen.... und lesen.... und lernen... aber wenn der Kopf voll ist, ist er irgendwie ja auch voll. Dabei fühlt er sich gerade irgendwie leer an?! Und er schmerzt! Egal. Die Zeilen der hochtrabenden, ätzenden, philosophischen Literatur fliegen vor deinem inneren Auge vorbei und du tust, was du tun musst. In dem Moment, als dein Kopf aussteigt, gibst du dich der Hausarbeit hin, (keine Minute ungenutzt lassen!!!) denn das Geschirr spült sich nicht von selbst und der Kontakt mit einem Lappen bewirkt bei deinem Spiegel wahre Wunder. Wenn DU es nicht tust, tut es keiner. Warst du früher auch so unordentlich? Oder waren damals die bösen Geister noch nicht da, die während deines Schlafs die Wohnung in beschämendes Chaos versenkt haben? Egal. Tun, nicht denken, Danach den liebesbedürftigen Tieren ein wenige Zärtlichkeit spenden, da sie den ganzen Tag so sehnsüchtig darauf gewartet haben. Es ist 22 Uhr und du überlegst, ob du noch etwas essen möchtest.Zeit ist ein begrenztes Gut, so entscheidest du dich gegen Essen und stattdessen für eine erholsame Dusche. So wohl sie auch tut, nur widerwillig konntest du deinen Körper der Kleidung entledigen und und dich dann, unter wahrem Zwang, mit Seife einreiben.

Zwang. Wann hat es eigentlich begonnen, das alles zum Zwang wurde? Schlafen ist Zwang, weil du morgens ausgeschlafen für die Arbeit sein musst, obwohl du niemals ausgeschlafen sein wirst. Arbeiten ist Zwang, nur weil du unbedingt zu jenem Teil der Bevölkerung gehören möchtest, der aufopferungsvoll und leidenschaftlich etwas für sein Geld getan hat, außer in öffentlichen Mülleimern nach Pfandflaschen zu suchen. Sport ist Zwang, weil du Sport so aufrichtig hasst, wie sonst kaum etwas auf dieser Welt, es aber machen musst, wenn du endlich schöner und infolgedessen nicht mehr allein sein willst. Lernen ist Zwang, weil das Hirn nach zehn Stunden Beanspruchung schlicht keinen Bock mehr hat und es ihm scheiß egal ist, ob davon deine Zukunft abhängt. Außerdem ist es zusätzlich Zwang, weil deine ollen Eltern dir diese beschissene Sürge irgendwie eingebrockt haben. Aufräumen ist ein Zwang, weil du ohnehin kaum Zeit in der Wohnung verbringst, um dich an Ordnung zu erfreuen. Und Ordnung halten ist keine Alternative, da das Leben, das du nicht hast, zu kurz ist, um es mit ordentlichen Handlungsvarianten zu verschwenden. Essen ist ein Zwang, weil du vergessen hast, wie Hunger sich anfühlt und Verdauung eh nichts mit sich bringt, als Schmerzen. Duschen ist Zwang, weil es eh keine Sau interessiert, wie du riechst uns aussiehst. Leben ist ein Zwang, weil alles, was dazu gehört Druck auslöst und am Ende zum Zwang mutiert.

Wie war das einst, als du Teenager warst? Du musstest nur auf dich und dein Zimmer Acht geben. Und obwohl du nicht einmal DAS zufriedenstellend erfüllen konntest, funktionierte das Leben. Du konntest lachen, mit Freunden auf der Wiese liegen und über die glorreiche Zukunft sinnieren. Alles lag in weiter Zukunft und es war so schön, sich Gedanken darüber zu machen, was man alles erreichen konnte, wenn man nur endlich erwachsen werden würde.
Deinen Hintern in einem Stück heimbringen und deine zehn Quadratmeter Reich betreuen. Nur zehn Jahre später gibt es das eine oder andere Wochenende, an dem du sturzbetrunken aus einem Club oder einer Bar fällst. Dein Make Up ist von den Tränen zur Unkenntlichkeit verschmiert. Dein Herz blutet eine Spur auf dem unendlich erscheinendem Nachhauseweg. Den du nach drei Stunden mit einigen Umwegen endlich gefunden hast. Missbraucht, gedemütigt und bespuckt vom Leben und der Welt findest du deinen Hausschlüssel, deine Wohnungstür und dein Bett. Hätte deine Mutter dich so gesehen, hätte sie notwendige, ärztliche, psychiatrische Maßnahmen eingeleitet. Du fällst ins Bett und überlegst, welches Bedürfnis gerößer ist: Kotzen oder Weinen. Doch bevor dir eine sinnvolle Antwort vorschwebt schläfst du mit versickerten Tränen und getrocknetem Erbrochenen auf deinem Kissen ein.
Siebzig Quadradmeter selbst finanziertes, selbst fabriziertes Chaos. Für das du hart arbeiten musst. Und keiner da, der es mit dir teilt. War es das wirklich wert?
Du spürst, was es bedeutet, wahrlich viel zu tun zu haben. So, dass jede einzelne Aktion zum Zwang mutiert. Du tust es, aber hast du es dir früher so vorgestellt?
Du spürst, dass Erwachsensein einen Preis hat. Hättest du ihn als Teenie gezahlt, wenn du gewusst hättest, wie hoch er ist?
Hättest du dich mutig an die Herausforderungen des Lebens geworfen, wenn du geahnt hättest, dass keiner dir helfen würde?
Hättest du all das in Kauf genommen, wenn du gewusst hättest, dass man sich manchmal auch mit 28 fühlen kann, wie mit 87?
Und zu allem Elend ist keiner da, dem du deine Glanztaten berichten kannst. Deine Eltern denken, du studierst schon lange genug. Du bist faul und langsam. Der Rest der Familie, der dich einst für Heldentaten belohnte, schlummert unter der Erde und interessiert sich nicht mehr für deine (nun reellen) Heldentaten. Keine Scheine für absonderliche Taten. Du bringst Pfandflaschen weg und kaufst davon Toast und Tomatenmark. Ein kulinarisches Dinner. Du hast auch schon von löslicher, klarer Rinderbrühe gelebt. Was ist schon menschlicher Hunger, wenn er in die Augen eines liebreizenden kleinen Hundes blickt? Einem Wesen, dass sich nicht ausgesucht hat, zu sein, wo sein Weg ihn hingeführt hat. So investierst du nicht in ein reichhaltiges Maggi-Fertiggericht, sondern in Hundefutter der Mittelklasse. Müde schaust du deinem besten Freund auf Erden zu, wie er sich freut und die Fleischbrocken nahezu weg atmet. Der Hund frisst und freut sich auf das langwierige Gassi-Gehen, für das du ein Telefongespräch mit deinen Eltern eintauschst. Für diesen Hund, den deine Eltern dir einst verboten haben. Der, der jetzt besser lebt, als du selbst. Wer sagte doch gleich, du wärst zur Verantwortung nicht fähig? - Fragst du dich, als du auf dem Weg ins Bett bist. Dann stellst du fest, dass du ab dem erlaubten Punkt tatsächlich angefangen hast, nachzudenken. Bloß gut, dass einige Berieche des Hirns abgeriegelt sind, wenn man einen normalen Tag antritt!- Denkst du dir, während du dir die Tränen aus dem Gesicht wischst, das Heizkissen gegen die Rückenbeschwerden in Betrieb nimmst, um noch geschminkt ins Bett zu gehen, weil dir das morgen eine Menge Zeit sparen wird. Eine Menge Zeit, bis du wieder anfangen kannst, nachzudenken und du dir wünschst, dass du noch mehr Aufgaben hättest, damit dies nicht der Fall sein wird.


Donnerstag, 27. Oktober 2011

Und wer den Schaden hat...

Selbstmitleid ist erst dann angebracht, wenn man sich das Mitleid anderer ehrlich und aufrichtig verdient hat. Allerdings... wenn andere einen bemitleiden, braucht man auch kein Selbstmitleid mehr. Dann ist es nämlich schon soweit, dass man über sein eigenes Pech lachen muss.
Pech ist ja meiner Meinung nach auch nicht so schlimm wie Unglück. Unglück ist auch nach einem Jahr noch scheiße. Über Pech kann man in der Regel nach einer knapp bemessenen Zeit schon schmunzeln.
Meine absolut solide Pechsträhne begann an einem Mittwoch, an dem ich dachte, ich könnte pflichtbewusst sein und trotz völlig mangelnder Motivation zur Arbeit gehen. War ja klar, dass dies Vorhaben bestraft werden musste - wir sind schließlich in Deutschland. Zugegeben, ich war ein wenig abgelenkt, während ich begleitet von den Sonnenstrahlen des Spätnachmittags durch den Prenzlauer Berg in Richtung Arbeit schlich, aber ich konnte an sich schon immer blind laufen. Als Hobby-Alkoholiker mit jahrelanger Erfahrung konnte ich mich zumindest auf diese Fähigkeit des alltäglichen Lebens verlassen: Laufen konnte ich wirklich immer. Bei meinen anderen Talenten sah es da schon um einiges düsterer aus, Sprechen, Denken und SMS schreiben gehörten definitiv nicht dazu. Aber Laufen. Ich konnte beim laufen essen, trinken, lesen und sogar zeitweise ohnmächtig sein. Voll mein Ding. Aber an diesem einen, Gott verdammten Mittwoch-Nachmittag, reichte nach kurzem Verkehr-abschätzenden Blick auch nüchtern nur ein einziger Schritt. Und Zack hieß es: „Willkommen im Elend!“
Ich fand mich in geistiger Klarheit mit dem Gesicht auf dem Boden, mit den restlichen Gliedmaßen weniger elegant verteilt auf der Straße liegend, wieder. Auf meinem linken Bein hatte es sich zwischenzeitlich ein Fahrrad bequem gemacht und auf meinem rechten eine schwäbische Mutti Mitte Dreißig. Aus dem Nichts kam ein unberittener Prinz mit seiner Latte Macchiatto in der Hand angeschossen, um die demoltierten Blech- und Körperteile von der Straße aufzukratzen, damit sich nicht zu allem Überfluss noch ein Auto dazu kuscheln konnte. Ob alles ok ist, fragte er. Öhm. Joa. Keine Ahnung. Ich wuchtete meine Tasche zurück auf die Schulter. Mein Kollisionsgegner gab sich Mühe, den Lenker des zweirädrigen Ungetüms wieder gerade zu biegen.
„Schön, dass es euch gut geht. Das mit der Versicherung macht ihr dann aber unter euch aus, alles klar?“ und schon saß der mittlerweile eher unheroisch wirkende Kerl wieder an seinem Logenplatz im Café.
Versicherung.... OH MEIN GOTT! Ich bin nicht Haftpflicht versichert! - Hämmerte es in meinem Kopf, während ich das Fahrrad der anderen Dame abscannte, um nach größeren Schäden, die ich jetzt wohl, trotz finanzieller Totalarmut, aus meiner eigenen Tasche zahlen durfte. Ihr wisst schon: die Taschen, in denen seit Monaten riesige Löcher waren. Wahrscheinlich würde ich mich verschulden müssen – Moment mal, bei wem hatte ich mir noch kein Geld geliehen? Was könnte ich verkaufen, um an Bargeld zu kommen? Mittlerweile habe ich schon alles halbwegs wertvolle verscherbelt, um Zigaretten zu kaufen. Wird diesmal wohl eine Niere dran glauben müssen.
Versunken im Gedankengang ist mir wohl entgangen, dass die gute Frau offenbar ein ähnliches Unwohlsein beim Aufkommen des Worts „Versicherung“ verspürt hatte und zwischenzeitlich schon das Weite suchte.
Nach genauerer Überlegung war das keine schlechte Idee ihrerseits. Noch ehe ich die Straße überquerte, wurde mir bewusst, dass ich ihr hätte hinterherrennen, sie an den schlecht gefärbten Haaren hätte vom Sattel reißen und ihr die Calvin Klein Brille von der Nase boxen sollen. Ich bin schließlich nicht entgegen der Fahrtrichtung durch eine Einbahnstraße gescheppert, sondern sie.
Das erschien mir dann auch als ein guter Moment, um anzufangen zu heulen. Yay, glänzende Idee. Ich laufe mitten durchs Touri-Gebiet Berlins und schluchze und heule herzergreifend, während ich vermutlich aussehe, als wäre ich soeben frisch vermöbelt worden. Offenbar weinte ich nicht erbärmlich genug, um von einem der Passanten Hilfe angeboten zu bekommen, aber gut. Zivilcourage wird eben auch in Berlin großgeschrieben.
In einer stilleren Ecke ließ ich mich auf ein paar Treppenstufen plumpsen und obduzierte jene Stellen meines Körpers, die bislang aufgrund von Menschenschutz von meiner Kleidung bedeckt waren. Auf der Suche nach der ein oder anderen zermatschten Stelle oder einem Blutbad.
Scheiße. Mit dem Arbeiten würde es nichts werden. Das war mir auch in diesem Moment schon klar.

Was mir nicht klar war, war dass ich nur eine Stunde später im Krankenhaus eintreffen und mir dort einige Stunden vertreiben würde, ehe man mich untenrum bis auf den Hello Kitty Tanga nackig machen und in den Gang zu den Überdosis- und Alkoholopfern schieben würde, um mich dort weitere zwei Stunden auf die Röntgenuntersuchung warten zu lassen. Was für ein Spaß. Am laufenden Band bekam ich liebreizende Gesellschaft von anderen Unfällen und Demenzkranken, sowie schauerlich weinenden Omis. Allesamt angeschoben von gutgebauten, tätowierten Männern der freiwilligen Feuerwehr, von denen kaum jemand die Möglichkeit ausließ, einen geschmackvollen Kommentar zu meiner Unterwäsche abzugeben. Hätte ich gewusst, dass nach Monaten des Single-Daseins mal wieder jemand einen aufmerksamen Blick auf meinen leicht bekleideten Unterkörper werfen würde, hätte ich meine Ausgeh-Schlüpper angezogen. Als Dank dafür drückte man mir gefühlte fünf Stunden später zwei Krücken in die Hand, um meine Bewegungsfähigkeit auch in den Folgetagen zu gewährleisten. Aha. Wenn beide Knie geprellt sind entlaste ich mit dieser unpraktischen Gehhilfe nun genau WELCHES Bein? Abgesehen davon, dass auch der rechte Arm in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Ode an die Freude...

Aufgrund des unglaublichen Muskelkaters und des schieren Nichtsnutzes meiner Krücken entschied ich mich schon wenige Tage später, auf sie zu verzichten. Stattdessen wollte ich mich, noch ungraziler als im gesunden Zustand, auf die Tragkraft meiner Füße verlassen. Krücken machen sich auch ausgesprochen schlecht auf einem für-umme-Konzert mit mehreren tausend Menschen. Man möge sich nur die Demütigung vorstellen, die mir widerfahren würde, wenn mir in dieser Menschenmenge jemand eine Krücke weggetreten hätte und ich der Nase lang in den Matsch gekracht wäre - Wetter war ja scheiße. Trotz des propagierten Sommeranfangs. Die Ironie sprach für sich. Aber es geht immer schlimmer. Ich schloss nach meiner Heimkunft die Türe meines schönen Zuhauses auf, um dann von meinem entrüsteten Mitbewohner darüber informiert zu werden, dass unser 500 Euro Kühlschrank soeben das Zeitliche gesegnet hat. Nach gerade einmal vier Jahren Gebrauch. Ich schätze Elvis, so nannten wir das silberne Monster bei seiner Taufe, hatte genug davon, nur Bier-, Wein- und Wodkaflaschen zu beherbergen. Da soll mal einer behaupten, schlechte Ernährung würde die Lebensdauer negativ beeinflussen. Elvis starb an Leberzerose. R.I.P. Ich erwähnte, wie es um meine finanzielle Situation bestellt war? Natürlich. Das binde ich jedem auf die Nase, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Guter Moment um anzumerken, dass es um den Reichtum meines Mitbewohners viel nicht besser bestellt ist. Alles klar. Anders als noch am Mittag des selben Tages, wünschte ich mir jetzt einen eisigen Sommer, doch leider machte mir der Wetterbericht da keine größeren Hoffnungen. Die Kühlung des Brotbelags und der Hopfenkaltschale würde sich jetzt also in der Badewanne abspielen. Die dann nicht anderweitig ui nutzen wäre. Glücklicherweise gibt es mittlerweile Trockenshampoos und 96 Stunden Deos. Duschgel, Shampoo und Wasser sind eh zu teuer, wir müssen auf einen neuen Kühlschrank sparen – auf dass wir uns in drei Jahren einen leisten können. Prost.

War eine wahrlich wundervolle Woche. Körperlichen, wie auch materiellen Schaden erlitten. Beides ein gewisser Einschnitt in die Lebensqualität. Aber dennoch kann man es überleben. Immerhin konnte ich wieder laufen und mit der Zeit gewöhnt man sich auch an warmes Bier. Eines schönen Tages, sieben Tage nach Elvis' tragischem Verlust, beschloss ich erneut trotz mäßiger Motivation, das Etablissement meiner Arbeitsstelle aufzusuchen. Und ich schwöre, es wurde einmal mehr bestraft. Da reißt man sich schon zusammen auf der Arbeit rumzusitzen, weil man immerhin in naher Zukunft eine größere Anschaffung zu tätigen hat, und macht nur den klitzekleinen Fehler, nach zwei Stunden der Meinung zu sein, man könne sich für die verrichtete Arbeit mit einer portionierten Nikotindosis belohnen. Also: Arbeitskollegen geschnappt, Portemonnaie, Handy und Zigaretten und auf ins zehnminütige Abenteuer, bestehend aus 8 Minuten Treppensteigen und 2 Minuten süchtigem Inhalieren. Leider wurde das Abenteuer bereits nach 3 Minuten und 40 Sekunden von einem Ereignis in seiner alltäglichen Monotonie unterbrochen. Und das nicht im positiven Sinne. Unglücklicherweise geschah mir mal wieder ein Missgeschick. Da dachte ich noch, mein Handy wäre sicher aufgehoben zwischen Portemonnaie und Kippenpäckchen, war ja schließlich von beiden Seiten geschützt. Aber ich hatte mich wohl geirrt. Noch bevor ich den ersten Zug an der Zigarette tätigen und somit meine Befindlichkeit verbessern konnte, musste ich tatenlos mitansehen, was in meiner linken Hand geschah. Offenbar übte ich an ungünstiger Stelle Druck auf meine drei Heiligtümer aus und so flutschte mein Handy, wie das Fleischpatty aus dem Burger, zwischen den schützenden Utensilien hervor, macht eine elegante Drehung mit dem Gesicht gen Betonboden, Marmeladenbrot-Style... es machte Knarz und ich wusste noch bevor ich mich bückte, dass ich den nächsten Verlust zu beklagen hatte. Ich hob dieses neumodische Drecksding von überteuerten Smartphone vom Boden auf und mir lächelte eine komplett gebrochene Glasscheibe auf dem Display entgegen. Nicht mehr benutzbar. Hinter dem geborstenen Glas schaut mich mein, nun völlig verzerrter, Hund vom Hintergrundbild an. Immerhin lief die Uhr weiter. Cool, ich hab eine 800 Euro wertvolle Taschenuhr, die als Goodie über Splitter-im-Finger-Funktion verfügt. Da reichte keine Kippe, da musste prinzipiell Hochprozentiger her. Uncool morgens um neun. Uncool, wenn man noch 7 Stunden Arbeit vor sich hat. Also den Alkohol besser in die Warteschleife legen und stattdessen zu einem altbewährten Heilmittel greifen. HEULEN. Mir doch Schnuppe, dass vierzig Arbeitskollegen dabei zuschauen. Mir is auch egal, dass ich meine arme Mama via Arbeitskollgen-Handy anmaule, obwohl sie nichts dafür kann, dass ich zu knausrig für ein „Rundum Sorglos Paket“ bei Handy-Vertragssbschluss war.

Rückschläge gehören bekanntlich zu meinem Leben. Ab dem ersten Juli würde alles besser werden, so hatte ich es mir fest vorgenommen und diese Tatsache auch in meinem gesamten Umfeld propagiert. Das erste halbe Jahr dieses Jahres mag doof gewesen sein. Aber jetzt! Würde! Alles! Voll! Wonne! Sein!!! Glück, Liebe, Reichtum. Und von allem zum Kotzen viel.
Tatsächlich schienen die ersten Tage dieses neuen Halbjahrs in meinem Leben ohne größere Desaster abzulaufen. Ok, das Wetter war nicht berauschend, aber keine weiteren Blessuren, keine weiteren Stürze, seien es meine körperlichen, oder die meiner wertvollen Habseligkeiten. Nun gut, betreffend dem zuletzt Genannten war auch nicht mehr viel da, was hätte kaputtgehen konnte. Acht Tage lang erlag ich dem Schein eines unspektakulären Lebens – nicht mehr vom Pech, dafür auch nicht vom Glück verfolgt. Aber kein Pech kann ja für sich auch als Glück interpretiert werden. Ich setzte an zu unglaublichen Höhenflügen. Ich konnte einfach alles erreichen! Wenn nicht jetzt, wann dann? Los geht es: Diät, Sparen, Sport-machen! Nichts konnte mich bremsen- außer die Bremse selbst. Und die ging nach acht Tagen in die Eisen.

Ich war soeben auf dem Heimweg eines Arbeitstages, der wider Erwarten ohne Katastrophen über die Bühne ging, und machte mich auf den Weg zum Fitnessstudio, um meinen schwabbligen Körper wieder auf Vordermann zu bringen. Es erschien mir wie ein großartiger Tag für dieses Vorhaben. Meine vom, zugegebenen weniger lässigen Fahrradunfall, geschundenen Körperteile waren zwischenzeitlich wieder bereit, auf dem Crosstrainer maltretiert zu werden. Zu meinem Unmut musste ich auf dem Weg feststellen, dass ich zwar eine Sporthose und Schuhe dabei hatte, aber mein Schwitze-Handtuch vergessen hatte. Hmmm. Heim gehen, Handtuch holen und nochmal raus? Neeeee. Keine Lust. Die Motivation könnte auch bis morgen warten. Ich würde mir jetzt einfach einen leckeren Salat kaufen gehen. Genug für die Figur getan. Gesagt, getan. Mit einer Tüte, die ehrlich gesagt auch das ein oder andere Fettbömbchen in sich verbarg, machte ich mich auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause. Und ich musste schmerzlich feststellen, dass ich meine Fähigkeit des in allen Zuständen tadellosem Laufens wohl verloren haben musste. Ich hatte tatsächlich das winzige Schlagloch auf einer der Hauptverkehrsadern Berlins übersehen und bin mit Schmackes reingetappt, umgeknickt und von diesem Zeitpunkt mit höllischen Schmerzen angereichert weiter meines Weges gezogen. Zu Hause angekommen starrte ich auf den in Rekordzeit anschwellenden Knöchel und fragte mich, ob es weniger schlimm gewesen wäre, wenn ich mir zuvor einige Gramm abtrainiert hätte. Da ich zu keiner Antwort kam, wählte ich mein Allheilmittel gegen WehWehchens jeder Art: in kaltem Wasser gekühltes Bier. Wenn man am Folgetag schon außer Lernen nichts wichtigeres zu tun hat. So saß ich also da, Hundchen auf dem Schoß, nasser Lappen auf dem Knöchel und Mädchen TV. Irgendwann beschwerte sich Prinzessin auf meinem Schoß allerdings über dringliche Stoffwechsel-Nöte und so erhob ich mich, trotz massiver Gehschmerzen, um Madame ihren Wunsch zu erfüllen. Ich blickte auf den Couchtisch und dachte mir „Aaaaach. Was solls?!“ Und griff nach der vollen Bierflasche und meinen Zigaretten. Ich liebe Berlin, weil man wie der letzte Penner auf die Straße gehen kann! Andererseits wohne ich im Plattenbau und bin mir nicht sicher, ob ich durch meine Bewaffnung nicht eher dem Klischee entspreche.
Soll mal einer sagen, ich wäre nicht Multitasking-fähig! Kippe links in der Hand, Bier und Hundeleine rechts. Laues Lüftchen... Herrlich! Gerade wolle ich mir einen ordentlichen Schluck genehmigen, als der Hund in einer Entfernung von etwa hundert Metern eine Butterbrottüte erspäht hatte und es für eine äußerst gute Idee befand, darauf loszustürmen. Zum Unglück meiner am Körper befindlichen Kleidungsstücke hatte ich beim Trinken nicht durchdacht, dass die Leine nur über eine Länge von fünf Metern verfügte... meine Promenadenmischung aber die Kraft eines ausgewachsenen Geparden... und leider auch die Geschwindigkeit. So zog das gute Tier mir die Flasche vom Mund und verschaffte mir eine nicht so dringend notwendige Abkühlung am ganzen Körper. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht mehr zu sorgen. So sagte einst ein kluger Bauer. Und diese Theorie demonstrierte sich mit sofortiger Wirkung. Offenbar waren meine Plattenbau-Nachbarn genau solche Assis wie ich und feierten, die immerhin in Gesellschaft, unter
der Woche eine Party. Einige von ihnen standen am Balkon und rauchten und wurden somit Zeuge meines ungewollten Akts der Körperhygiene.
Pech liegt im Auge des Betrachters. Ich sagte bereits, dass ab dem ersten Juli alles toll werden würde. Na guuut, ich bin umgeknickt. Aber wäre ich zum Sport gegangen, wäre ich bestimmt auf dem Laufband kollabiert und wäre einem Herzinfarkt erlegen. Alles klaaaar, ich hatte eine Bierdusche. Aber das ersparte mir die richtige Dusche. So hätte ich die Wurst und das Bier aus der Wanne räumen müssen, was mein Hund mir nun erspart hat. Pech liegt im Auge des Betrachters. Ganz sicher.

Ich war von ganzem Herzen willens, ab dem folgenden Tag der Menschheit zu zeigen, was ich für ein Glückskind bin. Zu meinem Vorteil boten sich gleich am Abend Freunde an, mit mir, meinem lieben Mitbewohner und meinem Terroristen-Hund die Zeit zu verbringen. Spazieren gehen, schön dekadent Essen gehen in einem American Diner. Ich stellte fest, dass auch die Amis in der Lage waren, halbwegs brauchbare Pasta zu kochen und – welch unbeschreibliches Glück – mein Rechnungsbetrag war ein glatter Schein! Obwohl ich es mir beim besten Willen nicht erlauben konnte, setzte ich den Checker-Blick auf und nahm Anlauf, richtig protzig das Geldpapierchen glatt zu streichen. Woraufhin ich innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde feststellen musste, dass ich wohl zu protzig war, weil mein Geld sich vermehrte. Zumindest in der Stückzahl. Gefolgt von akutem Wertverlust. So hatte ich die eine Hälfte vom Geldschein in der einen, die andere in der anderen Hand. Und weder im Portemonnaie, noch in der Hosentasche ein funktionstüchtiges Geldstück, mit dem ich hätte mein, dann im Nachhinein doch nicht so schmackhaftes, Essen hätte zahlen können. „Das hast du jetzt nicht wirklich gemacht?“ tönte mein Gegenüber.
Doch. Hab ich. Keine Ahnung warum. Und so akut fiel mir auch keine Möglichkeit ein, wie ich das Vorkommnis als Glück umdeuten konnte.
Und auch die folgende Nacht machte es mir erheblich schwierig, in all den Vorkommnissen einen positiven Lebenswandel zu sehen. Da lag ich nämlich in meinem Bett und schlief tief und fest. Als ich zuerst von einem seichten Hundefurz ins Halbwache gerufen wurde und dann zu meinem Unmut feststellen musste, dass Prinzessin sich gerade an meinem Wasserglas auf dem Nachttisch bediente. Meine koordinatorischen Fähigkeiten ließen, wie könnte es auch so mitten in der Nacht anders sein, etwas zu wünschen übrig und so wollte ich den Hund vom Bett schubsen und erkannte Dank dem darauffolgendem Geräusch, dass ich offenbar nicht den Hund, sondern meine Nachtttisch-Lampe aus Glas erwischt hatte, die sich gerade in allen Einzelteilen auf dem Boden verteilte.
Da gibt es nun nichts mehr schön zureden. Ich kapituliere.

Der königliche, blutsaugende Arzt. (Jogginghose #2)

Vor der Trennung wusste ich eines ganz genau: Boa, ich hab so Bock auf das Single-Dasein! Keine Verantwortung, unendliche Freiheit zu tun, was ich tun möchte. Die Welt lag mir und meinen bescheidenen studentischen Einkünften zu Füßen. Ich musste nur hinaus in die Welt und irgendwo würde ich mein Glück finden. Das Glück sitzt betrunken in einer Ecke und wartet sehnlichst auf mich!
In der Realität sieht es leider etwas anders aus. Nüchtern. Natürlich im übertragenen Sinn, denn nüchtern war ein Zustand, den ich in den ersten Wochen als alleinstehende, karriereorientierte, wenn auch derzeit motivationslose Frau nur selten erreichte. Auch ist mir der Tausch Jogginghose gegen sexy Outfit bisweilen nicht gelungen. Keine Sorge. Es ist keineswegs so, dass ich keine Beschäftigung hatte. Ich floh in alle nur erdenklichen Parallelwelten. Ablenkung, irreales Leben.

Zum Beispiel hatte ich angefangen, ein Rollenspiel auf dem PC zu spielen. Ich erstellte mir als Charakter eine bildschöne, amazonenhafte Dame. Makellos. Stählerner Körper, leuchtend grüne Strahleaugen und modische Frisur. Kurzum: Ich erschuf das genaue Gegenteil meines Spiegelbilds. Ich schuf das Ich, das ich sein könnte, wenn ich die nächsten Jahre tagtäglich ins Fitnessstudio gehe, gefärbte Kontaktlinsen trage und unendlich viel Geld in diverse Schönheitsoperationen investiere. Ich erschuf mein Möchtegern-Ich. Und mit diesem Möchtegern-Ich schlachtete und enthauptete ich in diesem „Ab 18“ Spiel reihenweise Untote. Mein Möchtegern-Ich war so bezaubernd und einnehmend, dass es natürlich nicht lange dauerte, ehe ein armes Würstchen diesem Charme erlag. So begann eine Beziehung mit meinem Begleitcharakter. Da es sich, wie ich ausdrücklich hinzufügen möchte, nicht um ein Online-Rollenspiel handelte, war der neue Prinz rein virtuell. Weit über 60 effektive Spielstunden hatte ich die zärtlichste Liebesbeziehung mit ihm und ich machte mir nicht einmal Sorgen, als das reale Ich vorm Bildschirm Schmetterlinge im Bauch bekam, wenn Alistair mir die süßesten Dinge ins Ohr flüsterte.
Meine Leidenschaft zu diesem Spiel fand allerdings ein jähes Ende, als Alistair gegen Ende des Spiels unerwartet mit mir Schluss machte. Er rechtfertigte es mit seinen königlichen Pflichten... schließlich müsste er einen männlichen Erben in die Welt setzen. Offenbar erschien ich ihm nicht als geeigneten Fortpflanzungspartner. So verließ er mich. Ich habe das Spiel nicht mehr zu Ende gespielt. Ich war verletzt und fühlte mich betrogen. Ich wollte ihn nicht mehr sehen.

Eine andere Obsession musste her, um den neuen Trennungsschmerz zu betäuben. Glücklicherweise war ich anfällig für jegliche Art von Blödsinn. So lag ich eines Tages mit Kehlkopfentzündung auf der Couch und tat mir, wie auch sonst so oft, leid. Mein liebreizender Mitbewohner umsorgte mich mit Käsemaccheroni und bot sich heldenhaft an, mir zu Ablenkung nette Filme aus der Videothek zu organisieren. Er kam mit der ganzen Trilogie einer widerlich schnulzigen Vampir-Saga an. Mit jener Vampir-Saga, gegen die meine Person und die meisten anderen volljährigen Menschen sich so viele Jahre erfolgreich wehren. Ich war krank, auf Antibiotika und wohl nicht ganz bei Sinnen... oder vielleicht auch einfach masochistisch genug, um mir alle drei Teile hintereinander reinzuziehen. Erstaunlicherweise fand ich Gefallen an der Geschichte, auch wenn die Scham darüber nicht zu ignorieren war. Ja, ich war sogar regelrecht begeistert, so, dass ich mir alle drei Teile in Buchform organisierte und zusätzlich den letzten, bislang unverfilmten Teil. Geschätzte 2400 Seiten lang übertrieben romantischer Herzschmerz, Verzicht auf vorehelichen Sex, unendlich viel Gefühl und ein Happy End wie aus einem Märchen...
Ich hätte auch gerne einen Vampir als Freund. Das wäre wirklich cool. Nach der Trennung meines Rollenspiel-Partners erschien mir das wie eine richtig gute Idee. So hatte ich viele, viele Nächte stets den selben, geliebten Ablauf. Ich ging gegen halb zwei in der Nacht in mein Zimmer, legte mir drei Zigaretten und den Aschenbecher zurecht, stapelte Kissen, warf mein schlabbriges, geblümtes Nachthemd, das mir auch schon als 13jährige ein Geschlechtsverkehr-vorbeugender Begleiter war, über und nahm das Heizkissen in Betrieb. Dann langsam ins weiche Bett sinken. Ich hatte ein Date mit Edward. Und so lag ich und schmachtete mich durch viele Nächte. Nie fiel es mir leicht, das Buch aus der Hand zu legen. Nur noch ein weiteres Kapitel... die Folge dieser Obsession war ein völlig verschobener Tag-Nacht-Rhythmus. Auch nachdem die 2400 Seiten ausgelesen waren, hat sich dieser Umstand nicht gebessert. Als ich die letzte Seite zu Ende gelesen hatte, machte sich mit sofortiger Wirkung eine unendliche Leere in meinem Körper breit. Ich hatte keine Aufgabe mehr, keine Mission. Keinen Edward. Ein weiterer Verlust... kurz nachdem Alistair mir den Rücken gekehrt hatte. Schnell musste eine neue Leidenschaft daher. Ich wollte den Schmerz nicht zulassen.
So fand sich eine Ärzteserie des deutschen Fernsehens. Glücklich stolzierte ich mit allen Folgen auf DVD aus einem Media-Store mit nur einem Ziel: Die Couch. Mit Jogginghose und Haaren, die zuletzt vor drei Tagen eine Bürste gesehen hatten, machte ich es mir gemütlich. Der kleine Hund rollte sich auf meinem Bauch zusammen und ich verfolgte gebannt, wie die leicht übergewichtige Ärztin um die Gunst zweier Männer buhlte. 16 Folgen á 40 Minuten. Viel Zeit zum Schmachten und Träumen... und sich verstanden zu fühlen. Und viel Zeit, einen der männlichen Hauptdarsteller anzuhimmeln. Natürlich handelte es sich um jenen Typ, der das größte Macho-Arschloch überhaupt war... aber im Kern ein absolutes Sahneschnittchen zu sein schien. 10 Stunden und 40 Minuten sind eine klar bemessene Zeit, nach der auch dieses Paralleluniversum ein Ende fand. Ich hab mit allen erdenklichen Mitteln versucht, Zeit zu schinden. Immer mal wieder eine Pipipause einlegen, Zigaretten kaufen, Kaffee kochen... doch leider war nach etwa 12 Stunden tatsächlich alles vorbei. Durchaus machbar an nur einem einzigen Tag.
Und nun saß ich da und war die Scheinwelt leid. Nichts konnte mich noch so befriedigen, wie das Rollenspiel, die Vampir-Saga und die Ärzteserie. Drei temporäre Obsessionen mit drei Herzensmännern. Und alle drei unterschieden sich, wie Tag und Nacht.
Alistair war blond, muskulös, angenehmerweise von hohem Adel, mit einer süffisanten Brise Sarkasmus und Romantik.
Edwards Haar war offenbar bronzefarben (ich erwähne dies gesondert, da die Autorin der Saga merklich großen Wert darauf legte), er war Vampir und somit äußerst mysteriös. Er war groß, hager und etwas blass. Aber hoffnungslos romantisch und dennoch männlich... ein richtiger Beschützer eben.
Der Arzt hingegen war bösartig, gemein und vielleicht sogar etwas schmierig... aber er hat in einigen Momenten einen Blick, bei dem ich dahinschmolz wie Butter auf einer heißen Herdplatte. Und mal ehrlich... alle Frauen stehen auf blöde Arschlöcher. Zumindest bis zu einem gewissen Grad, nicht wahr? Spricht wohl nicht gerade für uns...

Resigniert sitze ich auf der Couch. Was soll ich daraus nur schlussfolgern?
Wie sollte denn der Mann sein, für den ich meine bislang nicht ansatzweise genutzte, neu gewonnene Freiheit aufgeben würde?

Irgendwie schleicht mir das Bild einer Speisekarte vor mein inneres Auge, aus der ich mir dank einer reichhaltigen Auswahl an Charaktereigenschaften und optischen Grundzügen das optimale Menü Mann zusammenstellen kann.

Auf Seite eins bis drei stehen Charaktereigenschaften. Na denn mal los!
Ich hätte gerne einmal das „romantische Verführer-Machoarschloch“. Ja, genau wie er auf der Karte steht. Zärtlich, treu, fürsorglich, beschützend und leidenschaftlich. Ohne übertriebenen Hang zu Kerzenlicht und nicht zu nah am Wasser gebaut. Ein richtiger Mann bitte! Demzufolge ist ein Hauch Mistkerl auch in Ordnung. Als Extra nehme ich den bösen Humor, darf auch gerne böser sein, als mein eigener. Und weeeehe,er sagt zu allem was ICH sage JA und AMEN. Zum kotzen. Ich brauche Widerspruch. A lot. Ohne ein bisschen Diskussion und Streit macht sowas ja auch keinen Spaß. Er muss seine eigene Meinung haben und diese auch kundtun, egal wie taktlos und unangebracht es auch sein mag. Schließlich brauche ich keinen Klon, sondern eher ein Gegenüber auf Augenhöhe.

Auf Seite vier bis sieben kann ich mir die Lebensumstände, Gewohnheiten und Vorlieben aussuchen. Fantastisch.
Hier wähle ich Menü „erfolgreicher Überlebenskünstler“! Akademiker wär gar nicht mal so scheiße, Hauptsache intelligent. Ich meine auch eher ein Lebens-intelligent, als bloßes Wissen aus Büchern. Achso, aber bitte nicht intelligenter als ich. Sonst bekomme ich Komplexe, mein bisschen Grips ist schließlich das Einzige, worauf ich mir etwas einbilde. Dann hätte ich gerne noch die Extras Bodenständigkeit, genügend Zeit, genügend Geld und mit ausgeprägten Unternehmungswillen. Favorisierte Musikrichtung Rock/Metal. Raucher, Gelegenheitstrinker noch dazu, bitte. So ist es fein.

Schlussendlich kommt das Dessert auf den Seiten acht bis zwölf. Die optische Erscheinung. Glücklicherweise ist mein Appetit so groß, dass ich die bereits eingesetzte Sättigung gut ignorieren kann. Ich hätte gerne einmal den „mäßig-athletischen Hünen“. Kann man den auch kombinieren mit dem Menü „schlaksiger Kurt Cobain-Verschnitt“? Ich hätte ihn gern sehr groß und breitschultrig, damit ich neben ihm meine Kastenweißbrot-artigen Züge verliere. Längeres Haar, helle Augen. Wär cool. Muss aber nicht. Gepierct und tätowiert als Topping, weil ich so schrecklich oberflächlich bin. Und zum Mitnehmen!!! Danke!

Ich versuche mir vorzustellen, wie das Gesamtpaket dann wohl wäre. Bedauerlicherweise muss ich feststellen, dass das Bild einem Paradoxon gleich kommt. Ein tätowierter, gepiercter, gammliger Typ, der zudem tatsächlich genug Geld verdient, intelligent ist und selten Arbeiten muss?
Jemand, der viel Zeit hat, hat in der Regel kein Geld. Jemand, der genug Geld hat, muss in der Regel viel arbeiten und hat demzufolge wenig Zeit.
Vielleicht müsste er seit langem Manager einer großen Firma sein, damit er Geld und Zeit hat. Aber Manager wird man meistens nicht, wenn man schmuddelig und tätowiert ist. Und meistens ist man als Manager 40 plus.

Ich seufze. Die Männersuche ist wohl nicht so leicht, wie eine Pizza zu bestellen. Vor allem schäme ich mich schon beim arabischem Fake-italienischem Lieferdienst, meine Extrawünsche bekanntzugeben.

Ich muss es hinnehmen. Ich werde auch noch mit 50 Single sein. Ich werde 13 Hunde und 17 Kaninchen besitzen und in einer Zweiraumwohnung mit ihnen hausen. Irgendwann wird die Tierschutzbehörde meine Tür aufbrechen, mich als Tiermessi bezeichnen und mir meine Tiere wegnehmen. Meinen einzigen Lebensinhalt. Tragisch. Wahrscheinlich wird dies sogar in den Medien verbreitet werden. „Gescheiterte Akademikerin als Tiermessi hochgenommen“.
Eine traurige Vorstellung, aber immerhin so etwas wie eine Perspektive. Ich öffne ein Bier und tue mir schon wieder mächtig leid.


Dienstag, 25. Oktober 2011

Notiz an mich selbst. #1

Ich muss nun wirklich am absoluten Tiefpunkt angekommen sein. Ich sitze im Schneidersitz auf dem dreckigen Boden meines Wohnzimmers und föhne meine Ausgeh-Unterhose. Dabei strahlt mir dieser beschissene Vollmond direkt ins Gesicht.
Ich hab nicht mal Bock mit zu besaufen und das ist wirklich eine Besonderheit. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich noch genug Promille übrig hab von Vorgestern. Das nenne ich mal Effizienz! Warum jeden Tag ein Bierchen zischen, wenn ich mir den Alkoholbedarf von Tagen auf einmal reinzwitschern kann?
Dabei hatte ich einen wirklich schönen Abend, so am Donnerstag. Abgesehen davon, dass ich leicht überarbeitet und unterzuckert war. Ich hatte mich bereits im Vorfeld auf diesen Abend gefreut, denn es versprach ein musikalisches Spektakel zu werden – zumindest für jemanden, dessen kulturellen Maßstäbe relativ weit unten angesiedelt sind.
Wartet, ich stopf mir jetzt erstmal eine Zigarette.
So, wieder da. Erfolgsmensch der ich bin, hab ich wieder nicht beim ersten Anlauf eine Zigarette hinbekommen, stattdessen habe ich das in die Jahre gekommene Stopfmopped vorübergehend außer Gefecht gesetzt. Egal. Zurück zum Thema.
Für mein Empfinden gutes Konzert, zu viel Bier auf nüchternen Magen und der wahrscheinlich oft verachtete Newcomer der Indie-Hip-Hop-Szene... wie ich liebevoll zu sagen pflege! Man mag sich über diese stilistische Entgleisung meines Geschmackes wundern, aber man wird mit dem zunehmenden Alter und dem dauerhaften Single-Sein vermutlich weich in der Birne. Diverse Male hab ich mir vor dem Einschlafen Pläne zurechtgelegt, wie ich den Soft-Hopper zwingen werde, mir einen Heiratsantrag zu machen. Und ich schwöre – jedes Mal war ich originell und wahnsinnig überzeugend! Er ist mir immer wieder um den Hals gefallen und hat mir seine end- und kompromisslose Liebe gestanden. Und vergangenen Donnerstag sollten meine Träume Wirklichkeit werden!....
…. keine Sorge. Ich hab mir nicht schon alle Hirnzellen weggesoffen, die groben Denkvorgänge funktionieren weitgehend tadellos. Mir war schon klar, dass meine Träume tendenziell nicht in Erfüllung gehen würden, aber wenigstens könnte ich schmachtend, sabbernd an seinen Lippen hängen, während er einen schwulen Song nach dem anderen ins Mikrophon haucht. Man muss sich auch mit Wenig zufrieden geben, um in dieser Welt zu überleben.
Und genau DAS habe ich auch getan. Glaube ich...
… denn als ich zum nächsten Mal bewusst die Augen öffnete schepperte mein Kopf und ich vernahm nach einigen Orientierungssekunden, dass ich mich irgendwie nicht in meinem Bett und leider auch nicht in meinen eigenen vier Wänden befand. Ich wischte den Spuckefaden, der sich zwischen Mund und undefinierbarem fremden Pullover gezogen hatte mit dem Ärmel weg. Ok. Ich schien in einem Hotel gelandet zu sein. Mit selbigem Geistesblitz schmerzten meine Glieder und ich stellte fest, dass dies eventuell an meiner gekrümmten Schlafhaltung lag. Mit einem Blick quer durch den Raum eruierte ich, dass auf der anderen Seite des Zimmers ein Typ in einem Bett lag und laut schnarchte. EntegeUnter noch größeren Schmerzen erhob ich mich vom Sessel und kramte verwirrt in meinen Taschen. Wo zur Hölle... ach ja. Da war es. Mein Handy. 17 Anrufe in Abwesenheit, vier böse SMS. Hmpf. Hätte fast mehr erwartet. Und irgendwie war meine Jacke weg. Egal. Schnell raus aus diesem Zimmer. Schuhe hatte ich praktischer Weise gar nicht erst ausgezogen, konnte man also schnell aus dem Zimmer und in den Fahrstuhl fallen. Zu meinem absoluten Bedauern war dieser vollends mit Spiegeln ausgekleidet. Zu viel Wahrheit am Morgen. Eindeutig. Und schonungslos dazu. Wenigstens konnte ich behaupten, seit Halloween 1998 kein solches Volumen mehr mein Eigen genannt zu haben. Gut möglich, dass ein gleichmäßiges Augen-Make-Up tendenziell schicker gewesen wäre (um Himmels willen, wie lange kann es dauern, fünf Stockwerke runterzufahren???) … und auch der getrocknete Speichel an der Wange und an manchen meiner Haarspitzen war nur mäßig attraktiv. Bloß gut, die dämliche Aufzugtür entließ mich endlich in die Freiheit... mitten in die Rezeption eines Hotels, dass offenbar sonst gehobenere Leute als mich empfing. Auch die Reinigungshilfen machten optisch mehr her, als ich. Schnell raus auf die Straße... um zu meiner vermehrten Unsicherheit beizusteuern. a) war es scheißkalt. b) wo war ich? Wieso sieht es in Berlin an jeder Mülltonne gleich aus? ...Okäi... man muss auch mal einen Fehler einsehen und auch vor Publikum gestehen, dass man Mist gebaut hat. Handy genommen, Rückruftaste von 16 der 17 Anrufe in Abwesenheit betätigt (bloß gut, es war nicht der eine andere... Mutti zu sagen, dass ich in Berlin verloren gegangen bin, hätte sie vermutlich nicht so geil gefunden). Leider war ich noch nicht mit GPS ausgerüstet, weshalb man mir am anderen Ende der Strippe nicht sonderlich weiterhelfen konnte. Ein Gefühlte Dekade später erschien ich endlich zu Hause... und befand es erstmal für eine gute Idee, den Rausch auszuschlafen. Da kann man wenigstens nicht allzu viel verkehrt machen.


Mein Körper war beim Erwachen nicht sonderlich gnädig mit mir. Der heimische Spiegel war fast noch ein bisschen gemeiner als der im Fahrstuhl. Ich befand mich alleine in der Wohnung und tätigte die Glanzleistung des Tages: Mich vom Bett zu erheben und drei Meter weiter auf der Couch wieder nieder zu lassen. War auch schon anstrengend genug. Während ich mir einen Matthias-Schweighöfer-Schinken (Seelenbalsam und so) reinzog, purzelten mir so langsam einige der Schäden ins Bewusstsein, die noch am selbigen Tag behoben werden wollten.... was war das doch gleich?
Wenn man denkt, der Tag wäre schon bescheiden gelaufen.... kann man noch immer eines Besseren belehrt werden.

Notiz an mich selbst: Werfe doch beim nächsten Mal einen gewissenhaften Blick in den Spiegel, bevor du dich dazu entschließt, das Haus zu verlassen. 

Ok, du hast Recht. Berlin ist eine anonyme Stadt. Keine Gott verdammte Sau interessiert sich für dein Erscheinungsbild. Es schaut dich sowieso keiner an. Manch ein Tourist wird dich eventuell mit einem abwertenden Blick beehren, insofern er nicht damit beschäftigt ist, ein Foto von einer als künstlerisch empfundenen, besprayten, ewig verschlossenen Tür zu schießen. Ansonsten bist du quasi non existent. Du hast vollstes Verständnis dafür. Es gibt Tage, an denen es nicht zu verachten wäre, tatsächlich nicht anwesend zu sein. Dumm nur, dass du trotz aller Melancholie und allem Selbsthass feststellen könntest, dass du manchmal mehr Wert auf einen brillanten Auftritt legen könntest, als bislang erwartet.
Zum Beispiel könnte es eines Tages geschehen, dass du die in Volltrunkenheit begangenen Schäden trotz allen Katers am Folgetag beseitigen musst. Unter anderem könnte es sein, dass du trotz elendigen Unwohlseins genötigt bist, dass Haus zu verlassen, um die in einem Club zurückgelassene Jacke abzuholen. Die gute, schöne Jacke, die teurer war, als die Hälfte deiner Wohnungseinrichtung und ein „Scheiß drauf“ ein nicht zumutbares Maß an Dekadenz dargestellt hätte.
So magst du dich vor den Spiegel stellen, reinschauen und sagen: „Kämmen? - Wieso denn? Hab doch noch wundervolles Volumen von heute Nacht. Schminken? - Wat? Die Reste meines Vorabend-Make-ups sind doch, kulant betrachtet, noch halbwegs brauchbar.“ Und auch das Treffen mit deinem Kleiderschrank dauert kürzer, als nötig. Da tut es dann auch mal der sackförmige Kapuzenpullover mit dem Tomatensoßen-Fleck auf der Brust.

So. Liebes Menschenkind. Hier lag das Fehler:

Was du nicht beachtet hast, war, dass heute der Tag war, auf den du bereits seit sechs Jahren gewartet hast. Nur konntest du das vorher freilich nicht wissen. Erinnerst du dich? Als du einst die bürgerliche Kleinstadt inklusive Mutti verlassen hast und alle dich auf deiner Abschiedsfeier groß feierten, verkündetest du stolz: Ich ziehe hinaus in die große Stadt und werde Matthias Schweighöfer zum Mann nehmen! Darauf ein Prost und ohrenbetäubendes Gejohle deiner Freunde, weil alle so daran glaubten, dass du genau das erreichen wirst...- nicht. Klingt nach Demütigung? Du hast keine Vorstellung!

Und hier sind die feierlichen Konsequenzen:

Du triffst vorm Club, in dem sich deine hübsche, einsame Jacke befindet, ein und wirst durch die Menschen, vor denen du dich gestern Abend richtig zur Palme gemacht hast und die zu allem Überfluss aus o.g. Heimat entstammen auf dem Hof begrüßt. Kapuze ins Gesicht ziehen, schnell im Club verschwinden. Vielleicht hat dich keiner gesehen. Im Club angekommen wirst du nicht nicht einfach die nette Dame vom Büro antreffen, sondern eine Mittvierziger finnische Rockabilly Band, die deinen Auftritt, wie auch deine Präsenz herzergreifend empfindet und dich zum erneuten Saufen anstiften will. Du kannst geradeso entkommen und verirrst dich in all den Fluren, in die man als normaler Abendgast keinen Zutritt hat. 12 Stunden verspätet gibst du dein Garderobenmärkchen ab und versuchst verzweifelt, den Weg nach Draußen zu finden. Zwei Alarmanlagen später erwischst du vielleicht die richtige Tür und erstrebst dir deinen Weg ins Freie. Schnell in die Tram. Starker Brechreiz macht sich breit, aber wenigstens ist es warm. Noch fünf Minuten, ehe die Bahn losfährt. 300 Sekunden, um sich an einen besseren Ort und in ein besseres Leben zu wünschen. Doch, liebes Menschenkind, das Leben ist erbarmungslos. Nach 120 Sekunden gesellt sich ein Sitznachbar zu dir und konfrontiert dich schmerzlich mir deiner unattraktiven, versifften Existenz. Dein Ehemann in spe, so denkt zumindest deine Mutti, setzt sich neben dich. Fein. Matthias Schweighöfer setzt sich neben dich. Sechs Jahre lang hast du seine Videothek gestalkt, stets in nuttigem Outfit, versteht sich und nie ist er aufgetaucht. Heute war es dir Latte, wie du ausschaust. Und jetzt sitzt er neben dir und du bist dir sicher, dass er die Nase rümpft un d überlegt, wo der strenge Geruch eigentlich herkommt. Bloß schnell noch tiefer im Kragen des Pullovers verschwinden. Ok. Du wrist deiner Mutter und deinen heimatlichen Freunden mitteilen müssen, dass sich das mit der Traumhochzeit mit Herrn Schweighöfer erledigt hat. Bloß gut, du hast noch Florian David Fitz... (heißt der so?)... naja, der Typ aus der RTL-Serie Doctor's Diary. Der ist auch ganz gut. Und der hat deinen mäßig glänzenden Auftritt soeben nicht mitbekommen. Neue Chance, neues Leben, neues Glück. Am Umsteigepunkt verlässt du die Tram (Matthias Schweighöfer hatte zuvor bereits den Sitzplatz gewechselt. Vermutlich hatte der Tomatensoßenfleck auf deinem rechten Mops bereits Schimmel angesetzt). Die Tram zu verlassen erschien dir wie ein Eintritt in ein neues Leben. Heute beginnt der Rest deines Lebens. Der GUTE Rest deines Lebens. Einfach nur, indem du in die nächste Tram einsteigst. Und es beginnt vielversprechend: Du bekommst einen Sitzplatz in der sonst so überfüllten Linie. Fantastisch! …. doch dann gesellt sich ein weiterer Sitznachbar neben dich. Florian David Fitz. Unmöglich, wirst du sagen. Es klingt auch zu abstrus um wahr zu sein. Aber offenbar beginnt der Rest deines Lebens erst später. Also, der gute Rest. Dies jetzt ist einfach nur scheiße. Aber, liebes Menschenkind, eine singuläre Demütigung wäre wohl nicht genug gewesen.

Ich starre den Mond weiter an, grinse ihm dämlich in die Visage und stelle fest, dass mein Ausgeh-Schlüpper noch immer klamm ist. Noch habe ich drei Stunden, um mein Werk zu vollenden. In Erinnerungen an die letzten 48 Stunden schwelgend fühle ich mich plötzlich, aus ungeklärter Ursache, nicht mehr sooo erbärmlich. Dann stelle ich den Föhn noch ein wenig heißer.